
Pionierarbeit mit Herz
Ralf Grobe ist der erste Patient in Deutschland, dem ein schlagendes Herz transplantiert wurde. Über einen historischen Eingriff am Universitätsklinikum Essen: die erste Beating-Heart-Transplantation
Text: Carolin Diel
Fotos: Bozica Babic, UME

Mit Herzblut dabei: Das Team der Klinik für Thorax- und Kardiovaskuläre Chirurgie.
Etwas erhöhte Cholesterinwerte hat er, ansonsten ist Ralf Grobe im Oktober 2019 fit. Als er auf der Arbeit plötzlich einen Druck auf der Brust spürt, denkt er sich nichts dabei. Abends nimmt er ein Erkältungsbad. Als am nächsten Tag bei seiner Schicht Kurzatmigkeit und Schweißausbrüche dazukommen, ruft Grobe doch einen Krankenwagen. Wenig später liegt er im OP. Grobe hat einen schweren Herzinfarkt – mit gerade einmal 40 Jahren. Die Folgen sind gravierend: 2022 landet er auf der Warteliste für ein Spenderherz und wird in der Folge engmaschig durch ein interdisziplinäres Team aus Kardiologen und Herzchirurgen am Westdeutschen Herz- und Gefäß-Zentrum in Essen betreut.
507 Menschen warteten damals mit ihm, aktuell sind es in Deutschland 660. Nur knapp 350 Herzen werden jährlich transplantiert – besonders wenige im europäischen Vergleich. „Weil es zu wenig Spender gibt, müssen die Patienten lange auf ein passendes Spenderherz warten, oder es müssen Spenderherzen angenommen werden, die nicht ganz ideal sind“, sagt Prof. Payam Akhyari, Leiter der Herz- und Thoraxchirurgie an der Universitätsmedizin Essen. Daher versuchen er und sein Team sich an vielen neuartigen Verfahren, mit denen mehr Herzen für eine Transplantation nutzbar gemacht werden können. Eines davon: die Beating-Heart-Transplantation.
Weltweit noch selten
Normalerweise wird ein Herz bei einer Transplantation mindestens zweimal stillgelegt: Beim Entnehmen aus dem Spender und beim Einnähen in den Empfänger. Je länger das Herz nicht arbeitet, desto schlechter wird sein Zustand. Bei der Beating-Heart-Transplantation wiederum schlägt das Herz fast beim kompletten Einnähen weiter. Das Gewebe bleibt so besser erhalten. Den ersten Eingriff dieser Art führte ein OP-Team 2023 am Stanford University Medical Centre durch. Seither wurde er weltweit nur selten wiederholt.
Immer wieder wird an der Universitätsmedizin Essen in der Herzchirurgie Pionierarbeit geleistet. Mit Maschinenperfusion wird die Qualität von Spenderherzen verbessert, Bypass-OPs werden schon länger am schlagenden Herzen durchgeführt und auch der Transport von Spenderherzen erfolgt seit über 10 Jahren in schlagendem Zustand. Das Universitätsklinikum Essen verfügt zudem über das viertgrößte Transplantationszentrum Deutschlands. Als einzige Klinik in ganz Nordrhein-Westfalen werden hier neben dem Herzen auch alle drei weiteren großen Organe – Lunge, Leber und Niere – transplantiert.
Intensive Vorbereitung
Im letzten Jahr führte Akhyaris Team 14 Herztransplantationen durch – und blieb dabei stets am Puls des medizinischen Fortschritts. „Schon als wir die Studie der Kollegen aus Stanford zu dem neuen Eingriff zum ersten Mal lasen, war uns klar: Das wollen wir hier in Essen auch unseren Patienten anbieten“, erzählt Akhyari. Auf die Premiere bereitet sich das Team intensiv vor, liest immer wieder die Studie, spricht die OP mehrfach durch, lädt einen Herzchirurgen aus einem der europaweit führenden Zentren in Bern ein, der den Eingriff schon durchgeführt hat.
An einem Samstagabend 2025 ist es dann so weit. Bei Ralf Grobe läutet das Telefon, es gebe ein Herz für ihn. Dass man an Grobe gerne die erste Beating-Heart-Transplantation Deutschlands vornehmen wolle, hatte man ihm schon einige Zeit vorher eröffnet. Er hatte nur zwei Fragen: „Habe ich dadurch Vorteile?“ und „Bin ich ihr Versuchskaninchen?“. „Ja“ und „nein“ lauteten die Antworten. Grobe willigte ein.

Immer weniger Eingriffe finden, wie hier, am stillgelegten Herzen statt.

22 statt 90 Minuten Stillstand
Kurz nach dem Anruf liegt er wieder im OP, fast auf den Tag genau sechs Jahre nach dem Herzinfarkt. Parallel bespricht das interdisziplinäre Team erneut das Vorgehen und die Details. Angespannte Stimmung im OP-Saal. Vorsichtig platziert Operateur Akhyari das pulsierende Herz in Grobes Körper. Am Ende liegt es nur knapp 22 Minuten still statt wie sonst rund 90 Minuten.
Grobes Transplantation ist nun sechs Monate her. Abstoßungsreaktionen gab es bisher keine – nicht mal minimal. Langsam kämpft er sich zurück in sein Leben. Herztransplantierte leben heute im Schnitt noch 10 bis 20 Jahre. Der Rekord liegt bei 41 Jahren. Viele können wieder arbeiten gehen, Sport treiben, ein weitgehend normales Leben führen. Ralf Grobe war vor Kurzem zum ersten Mal wieder mit seinem Hund eine Runde im Wald spazieren: die ersten zögerlichen Schritte Richtung Normalität.
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