Chemo, Bestrahlung, Sport


Vom Krafttraining für chronisch Kranke bis zur Skifreizeit für krebskranke Kinder: Ein neues Institut soll Sport- und Bewegungstherapie fest in die Gesundheitsversorgung integrieren.

FotoS: Vladimir Wegener, privat, Netzwerk ActiveOncoKids

Text: Maike Gröneweg

Marie Wolf Seara bringt Patientinnen und Patienten als Teil ihrer Therapie ins Schwitzen.

Zwischen Seilzug, Rückenstrecker und Fahrrad­ergometer sitzt Alice Ferger in der Beinpresse. Viermal, fünfmal, sechsmal drückt sie mit ihren Beinen die Gewichte von sich weg. „Komm, du schaffst das“, ermutigt sie Trainerin Marie Wolf Seara. Zwei Wiederholungen sind noch drin. Was nach einem normalen Training in einem normalen Fitnessstudio aussieht, ist in Wirklichkeit Teil von Fergers Krebstherapie.

Vor zwei Jahren erhielt sie die Diagnose Brustkrebs. Es folgten eine Operation und Chemotherapie. „Sobald es nach der OP ging, habe ich mit der onkologischen Trainingstherapie begonnen“, sagt die 46-Jährige. Zweimal die Woche kommt sie dafür in den Trainingsraum ans Universitätsklinikum Essen, absolviert eine kleine Ausdauereinheit und trainiert dann an Geräten ihre Kraft.

Eine von vielen Therapiesäulen

Seit vielen Jahren ist Bewegung Teil der unterstützenden Therapien an der Universitätsmedizin Essen. Nun wurde ein eigenes Institut für Sport und Bewegung am Westdeutschen Tumorzentrum (WTZ) Essen geschaffen, um die sporttherapeutischen Angebote zu bündeln und fest in der Versorgung zu verankern. „Wir wollen, dass die Sport- und Bewegungstherapie genauso eine selbstverständliche Säule im Therapiekonzept wird wie Chemo- oder Immuntherapie“, sagt PD Dr. Miriam Götte, Leiterin des Instituts.

An drei Standorten arbeitet daran ein 15-köpfiges Team, vor allem Sportwissenschaftler, aber auch Ergotherapeuten, Natur- und Gesundheitswissenschaftler. Besonders aktiv ist das Team aktuell in der Kinderklinik und im WTZ, langfristig sollen aber auch andere Patientengruppen in den Fokus rücken.

Immer mehr Studien zeigen: Sporttherapie kann Heilung beschleunigen, Lebensqualität erhöhen und sogar die Rückfallrate von Krebs­patientinnen und -patienten signifikant reduzieren. Krankheitssymptome werden verringert, Nebenwirkungen von Therapien abgeschwächt. Und nicht zuletzt wünschen sich viele Betroffene selbst mehr gezielte Bewegung während ihrer Therapie.

Wichtig sei dabei, dass man das Sportprogramm personalisiere, betont Sportwissenschaftlerin Götte. Je nach Erkrankung und Therapieform hätten Betroffene andere Bedarfe an Bewegung. Bei Prostatakrebs hilft Beckenbodentraining, die Harnkontinenz zu verbessern, bei Hautkrebspatienten in Immuntherapie helfen Übungen gegen Fatigue. Und ein Kind mit Leukämie kann durch Fußball auf dem Klinikflur seine Selbstwirksamkeit stärken. Dazu kommen unterschiedliche Fitnesslevel, Ziele und Wünsche, auf die es einzugehen gilt.

Krafttraining für die Psyche

Alice Ferger kämpft während ihrer Krebstherapie vor allem mit den Folgen der Chemo wie Übelkeit und Fatigue. Durch die Sporttherapie spürt sie, wie diese Nebenwirkungen nachlassen. Den größten positiven Effekt habe der Sport jedoch auf ihre Psyche, sagt sie: „Ich hatte große Angst, dass ich mit der Chemo stark körperlich abbauen würde.“ Vor dem Krebs macht sie alle Wege mit dem Rad, geht Joggen und Rudern. Mit der Krankheit geht erstmal nichts.

Doch schnell merkt Ferger durch die Sporttherapie, dass ihr Körper trotz der Chemo noch etwas leisten kann. Sie hält ihren Fitnesslevel über die gesamte Therapie und weiß durch die angeleiteten Sporteinheiten genau, was sie ihrem Körper wann zumuten kann. „Diese Erfolgserlebnisse haben mir Selbstbewusstsein gegeben“, so Ferger.

Die positiven Effekte auf die Psyche zeigen sich tatsächlich sehr deutlich, bestätigt auch Götte: „Schwere Erkrankungen bedeuten eine besondere mentale Belastung und führen oft zu Ängsten und Depressionen. Durch den Sport und die Bewegung nehmen diese deutlich ab.“ Die Patientinnen und Patienten erlangen körperliche Fähigkeiten zurück, die es ihnen ermöglichen, in den Alltag und den Job zurückzukehren. Sie werden wieder selbstständiger, selbstwirksamer und kämpfen sich – im wahrsten Sinne des Wortes – mit eigener Kraft zurück in ein normales Leben.

Das Ziel? Teil des Leistungskatalogs der Krankenkassen werden

Doch damit mehr Patientinnen und Patienten von diesen Effekten profitieren, muss Sport- und Bewegungstherapie noch stärker institutionalisiert werden. Einrichtungen wie jene am WTZ sind ein wichtiger Schritt dorthin. Netzwerke, die hier geschaffen werden, liefern die nötige Infrastruktur für eine feste Integration in die Versorgung. Forschungsprojekte, die hier laufen, belegen die Wirksamkeit von Sport- und Bewegungstherapie.

Dadurch, so die Hoffnung, werden sie früher oder später in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen. Heute finanzieren sich viele Angebote vor allem über die Spenden für die Stiftung Universitätsmedizin. Götte: „Wir haben zwar heute schon viele individuelle Verträge mit Kostenträgern ausgehandelt, aber unser Ziel ist es, Teil der Regelversorgung zu werden – bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.“

Alice Ferger trainiert zweimal die Woche.

PD Dr. Miriam Götte macht den Flur der Kinderklinik regelmäßig zur Turnhalle.


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