Sonne, Sand & Physio
Seit über 30 Jahren begleitet Sven Rössler als Physiotherapeut die deutsche Beachvolleyballelite zu Trainingslagern und Turnieren weltweit. Ein Vollzeitjob, für den es nicht nur Tape, sondern auch mal Taschentücher braucht.
Text: Carolin Diel
Fotos: justus.fotos, Privat

Sven Rössler mit der Drittplatzierten der Deutschen Meisterschaften 2023: Karla Borger.
Aufschlag, Annahme, Schmetterball, Hechtbagger – seit einer Dreiviertelstunde scheuchen sich die Athletinnen durch den Sand. Hunderte Block- und Angriffssprünge haben sie bereits in den Beinen. Bei jeder Landung wirkt rund das Vierfache ihres Gewichts auf ihre Gelenke. Über 40 Grad sind es auf dem Feld.
Am Spielfeldrand verfolgt Sven Rössler konzentriert jede Bewegung seines Teams. Sind die Knie stabil? Bricht eine Schulter weg? Sind Ausweichbewegungen erkennbar? Dass die beiden Frauen auf dem Feld Hochleistungen bringen können, ist auch sein Verdienst – und seine Verantwortung.
Im Einsatz von China bis Südafrika
Rössler ist Physiotherapeut am Universitätsklinikum Essen. In der physiotherapeutischen Ambulanz des Operativen Zentrums I kümmert er sich hauptberuflich um Patientinnen und Patienten aus den Bereichen Orthopädie, Chirurgie und Sporttraumatologie. Seit über 30 Jahren betreut er außerdem die deutsche Beachvolleyballelite. Ein Zufall, sagt er. „Ich spiele nicht selbst. 1,73 Meter sind keine gute Größe fürs Herren-Beachvolleyball.“
Mitte der 1990er-Jahre ist er als Physiotherapeut in seinem eigentlichen Sport unterwegs: dem Fußball. Doch als ein Kollege seiner damaligen Freundin einen Physiotherapeuten für ein Beachvolleyball-Profiturnier in Essen sucht, springt er ein – und überzeugt. Mehrere Wochen im Jahr begleitet er seitdem die Athletinnen und Athleten zu Trainingslagern und Turnieren von China bis Südafrika. Rund um die Uhr ist er dann für sie da. Auch seine Betreuung verlangt Höchstleistung.
Zwei Hände für 64 Menschen
Die German Beach Tour ist die wichtigste Turnierserie im deutschen Beachvolleyball. Ist Rössler für sie unterwegs, betreut er als einziger Physiotherapeut alle Teilnehmenden. „Das sind zwei Hände für 64 Menschen“, sagt Rössler. Morgens ist er der Erste im Sand, abends einer der Letzten. Seine Aufgabe? Dafür zu sorgen, dass die Athleten mit ihren Körpern maximale Leistung abrufen können. Die Arbeit dafür beginnt schon vor dem Spiel.
Die Athleten „sportfähig machen“ nennt Rössler das. Mit speziellen Handgriffen aktiviert er die Muskeln, regt ihre Kommunikation mit den Nerven an und sorgt dafür, dass sie miteinander, nicht gegeneinander arbeiten. Denn Muskeln funktionieren immer im Zusammenspiel. Ist einer zu stark oder zu schwach beziehungsweise zu viel oder zu wenig unter Spannung, entstehen Dysbalancen.
Sie bergen das größte Verletzungsrisiko beim Beachen. Also versucht Rössler sie auszugleichen: Mit Massagen, Mobilisieren und Dehnen löst er Spannungen, mit Aktivieren und Tapen unterstützt er schwache Muskeln. Schon wenige Handgriffe und Minuten können einen entscheidenden Unterschied machen.

Nur fünf Minuten für heikle Entscheidungen
Es ist besonders diese Soforthilfe, die Rösslers Job ausmacht. Dann geht es darum, pragmatische Lösungen zu finden, die einen Sportler schnell wieder einsatzfähig machen. Beim „Medical Timeout“ haben Rössler und sein Athlet gerade einmal fünf Minuten Zeit, um zu entscheiden: Weitermachen oder Abbrechen?
Eine heikle Entscheidung, für die es vor allem viel Vertrauen in seine Einschätzung brauche, sagt Rössler. „Und es sind sicher nicht immer medizinisch sinnvolle Entscheidungen, die man auch für einen normalen Patienten treffen würde.“ Im Profisport gelten andere Regeln und der Druck ist hoch. Es geht um Sponsoren, die Karriere, viel Geld.
Mutter Teresa mit Tape
Daher geht die Betreuung über das Medizinische hinaus. „Wir sind auch Mutter Teresa, reichen Taschentücher, hören zu, trösten“, erzählt Rössler. Für ihn sind die Sportler mehr als nur Patienten. Den Menschen dahinter zu kennen, mache am Ende eine gute Betreuung aus, so der Physiotherapeut. „Und Loyalität.“ Zu vielen Beachvolleyballprofis hat er über die Jahre eine enge Beziehung aufgebaut.
Was als Nächstes ansteht? Es ruhiger angehen lassen, sagt Rössler. Vor Kurzem hat der Deutsche Volleyball-Verband sein Betreuungskonzept geändert. Die Teams werden zentral in Hamburg betreut – auch physiotherapeutisch. Rössler werde nur noch gelegentlich einspringen, sagt er. Traurig ist er darüber nicht, kann er doch auf genug Highlights aus drei Jahrzehnten blicken. „Und irgendwann muss man auch mal ruhiger werden.“
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Angebote für Angehörige
Die Ambulanz der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der LVR-Universitätsklinik Essen bietet Angehörigen von schwerkranken Menschen psychologische Beratungsangebote an. Mehr Informationen erhalten Sie über das Ambulanzsekretariat unter: 0201 - 438 755 100
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