Radioaktiv gegen Krebs


Gezielter behandeln, schonender untersuchen, neue Hoffnung schaffen: Am Universitätsklinikum Essen wurde eines der weltweit modernsten Zentren für Nuklearmedizin eingeweiht. Wie hier die Krebsmedizin von morgen entsteht – und was das mit dem Mond zu tun hat.

Text: Carolin Diel

Fotos: UME, Privat

Prof. Ken Herrmann, Direktor der Klinik für Nuklearmedizin am Universitätsklinikum Essen

Im Sommer 2024 bekommt Prof. Ken Herrmann ein attraktives Angebot. Die Harvard Medical School in Boston bietet ihm eine Professorenstelle an. Herrmann zögert nicht lange – und lehnt ab. Denn die strahlende Zukunft seines Faches sieht der Nuklearmediziner schon damals an der Universitätsmedizin Essen. Er hat Recht behalten: Heute, zwei Jahre später, leitet er in Essen eines der modernsten nuklearmedizinischen Zentren weltweit.

Schwerpunkt der neuen Fachklinik soll die onkologische Präzisionsmedizin werden, erklärt Herrmann. „Als erstes Zentrum in Deutschland haben wir hier ein Gebäude, das komplett auf Theranostik ausgerichtet ist.“ Therapie und Diagnostik verschmelzen. Man verwendet das gleiche zielsuchende Transportmolekül zweimal und tauscht nur das angehängte radioaktive Teilchen aus. Im ersten Schritt lokalisiert es den Tumor und macht ihn mit seiner Strahlung sichtbar, im zweiten zerstört es damit die Tumorzelle von innen.

Theranostik: Diagnostik trifft Therapie

Welches Transportmolekül und welche radioaktive Fracht verwendet werden, hängt vom Patienten und dessen Tumor ab. Mit der Methode lassen sich also genau die Medikamente verabreichen, die bei einem Patienten voraussichtlich gut wirken werden, und zwar genau dort, wo der Tumor wirklich sitzt.

Bei Prostatakrebs und neuroendokrinen Tumoren des Verdauungstraktes behandeln die Ärztinnen und Ärzte heute schon so. Studien zu anderen soliden Tumoren laufen. Zudem gibt es abseits der Onkologie Einsatzfelder, zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Alzheimer-Demenz.

Hightech Ausstattung setzt neue Maßstäbe

Möglich wird diese Hightech-Medizin durch zwei Hightech-Geräte. An der neuen Fachklinik ist weltweit der erste StarGuide GX SPECT/CT installiert, ein hochauflösender SPECT-Scanner für Herz-, Knochen- und Standarduntersuchungen. Zusätzlich steht mit dem Omni Legend 128 cm PET/CT ein präziser Ganzkörperscanner zur Verfügung. Weltweit läuft er an nur fünf weiteren Standorten.

Eine Untersuchung, die früher eine Viertel- bis Dreiviertelstunde dauerte, braucht damit künftig nur noch wenige Minuten. Auch die Strahlenbelastung ist geringer. Beide Geräte stammen von GE HealthCare. Mit dem Medizintechnikhersteller entwickelt die Universitätsmedizin Essen die Nuklearmedizin der Zukunft in enger Kooperation weiter.

Zur Eröffnung kamen auch Ina Brandes, NRW-Ministerin für Kultur und Wissenschaft, Nina Warken, damals Bundesgesundheitsministerin, und NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst. Daneben Prof. Angelika Eggert, Vorständin der Universitätsmedizin Essen und Prof. Ken Hermann, Leiter der Nuklearmedizin. (v. l. n. r.)

150 Mitarbeitende

ca. 13.000 PET/CT-Untersuchungen im Jahr

2.000 stationäre Therapien im Jahr

„Mapping the Moon“

„In den nächsten fünf bis zehn Jahren werden wir hier ganz neue Anwendungen für Therapie und Diagnose erarbeitet haben, die wir uns noch gar nicht vorstellen können“, prognostiziert Herrmann. „Mapping the Moon“ nennt er seine Vision. „So wie Astronauten die Oberfläche des Mondes kartografieren, so machen wir das mit der Oberfläche von Tumorzellen“, erklärt der Nuklearmediziner. Immer auf der Suche nach potenziellen Andockstellen für Wirkstoffe.

Besonders hebt er das Potenzial der neuen Ganzkörper-PETs für neue Screeningverfahren hervor. Sie könnten nicht nur einzelnen Patienten helfen, sondern das ganze Gesundheitssystem entlasten. Krebsmedikamente können mehrere tausend Euro im Monat kosten.

Könnte man schneller, schonender und präziser jene Personen identifizieren, bei denen diese teuren Therapien wirken, ließen sich viele Kosten sparen. Die enorme Summe von 190 Millionen Euro, mit der allein das Land NRW den Neubau gefördert hat, wird so zu einer sinnvollen Investition in die Zukunft.


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