Großer Einschnitt, kleine Schnitte
Wegen eines Tumors wird Ralf Weissfeld rund ein Viertel seiner Lunge entfernt. Dank moderner OP-Robotik merkt er davon heute kaum noch etwas.
Fotos: Bozica Babic
Text: Carolin Diel
Vier kleine Narben, nicht größer als Tackernadeln, reihen sich an Ralf Weissfelds Rippen entlang. Eine etwas größere mit knapp vier Zentimetern liegt unter seiner linken Brust. Es sind kleine Einschnitte, die einen großen Einschnitt in sein Leben markieren: den Lungenkrebs. Dass ihm seither rund ein Viertel seiner Lunge fehlt, merkt man ihm kaum an. Zu verdanken hat er das moderner OP-Robotik – und viel Disziplin.
Vor einem Jahr war Weissfelds Lunge noch komplett. Allerdings befand sich darin auch ein 5,5 Zentimeter großer Tumor. Schon seit Jahren hatte ihn der 61-Jährige gespürt, besonders im Job. Weissfeld ist Monteur für Schwingungsisolierung. „Ich baue quasi Stoßdämpfer für Gebäude und Maschinen“, erklärt er. Sein Arbeitsplatz sind die Wolkenkratzer der Welt, von Hongkong bis New York. Fast täglich geht es für ihn auf über 15 Etagen – nicht immer mit Aufzug.
Lungenkrebs: OP-Roboter schon Routine
Einmal im Jahr steht eine spezielle arbeitsmedizinische Untersuchung an. Letztes Jahr fiel Weissfeld durch: Bluthochdruck, erhöhte Entzündungswerte im Blut, ein vermindertes Lungenvolumen. Die Überweisung zum Experten brachte traurige Gewissheit: Weissfeld hatte fortgeschrittenen Lungenkrebs.
Bei solchen Diagnosen setzen Ärztinnen und Ärzte inzwischen auf einen besonderen Kollegen, den OP-Roboter Da Vinci. Dr. Natalie Baldes, Weissfelds Operateurin, hält jedoch nicht viel vom Kollegen-Vergleich: „Er ist ein Werkzeug – allerdings mein liebstes.“ Mit dem Da Vinci kann die Thoraxchirurgin der Ruhrlandklinik mit vier statt nur zwei Händen operieren.
Operieren mit vier Händen
Denn der Da Vinci verfügt über vier ferngesteuerte Arme. Der vier Zentimeter große Schnitt, der die Narbe unter Weissfelds Brust hinterlassen hat, ist der größte der OP. Dadurch kann Baldes den ganzen unteren linken Lungenlappen entfernen, der die Größe einer Mango hat.
Trotz der Vorteile stand Weissfeld dem Roboter anfangs skeptisch gegenüber. „Ich habe erstmal gefragt, welches Betriebssystem auf dem Ding läuft“, erzählt er. Aber Baldes weiß, wie sie diese Sorge nimmt: „Der Da Vinci ist nur meine Verlängerung. Ich könnte die OP immer manuell machen.“ Was Weissfeld schließlich überzeugt? Kleine Schnitte bedeuten schnelle Heilung.
Operieren mit dem Da Vinci
Der Da Vinci ist ein OP-Roboter mit vier Armen: zwei Operations-, einem Fixierungs- und einem Kameraarm. Zur Steuerung hat der oder die Operierende zwei joystickartige Griffe an einer Konsole und sieben Fußpedale für den Wechsel zwischen den Armen, die Kameraführung und die Applikation von Strom. Mit dem Da Vinci können viele größere Eingriffe inzwischen minimalinvasiv, also mit winzigen Schnitten, durchgeführt werden. 238 der rund 1.900 Kliniken in Deutschland haben einen Da Vinci.
Nach fünf Tagen zu Hause
Nach der OP brauchte Weissfeld noch ein Sauerstoffgerät. Er trainierte seine Lunge, indem er in ein Röhrchen mit Gegendruck pustete und lernte, tief in den Bauch zu atmen. Mit Erfolg – bereits am dritten Tag nach der OP wurde das Gerät entfernt, fast stündlich wuchs jetzt sein Lungenvolumen.
„Als ich das erste Mal ohne Sauerstoffschlauch auf die Toilette ging, hatte ich noch Panik, weil ich dachte, die Luft reicht nicht“, erzählt Weissfeld. Er kalkulierte, wie weit er gehen kann, ohne in Atemnot zu kommen. Aber jeden Tag wurde sein Bewegungsradius etwas größer. Nach fünf Tagen durfte Weissfeld nach Hause. Nach sechs Wochen fuhr er in den Campingurlaub nach Holland.
Lunge kann sich fast vollständig erholen
Die Lunge könne sich nach einer solchen OP fast vollständig erholen, erklärt Thoraxchirurgin Baldes: „Die restliche Lunge übernimmt den Raum und die Arbeit des fehlenden Teils.“ Damit kann sie wieder bis zu 90 Prozent ihrer ursprünglichen Funktion erlangen. Auch Weissfelds Lunge hat bereits ein halbes Jahr nach der OP wieder ihr Volumen von vor der Diagnose.
Doch um wieder richtig fit zu werden, verfolgt er ein striktes Trainingsprogramm: jeden Abend anderthalb Stunden Laufband, Crosstrainer, Krafttraining und Sauna. Dazu kommen regelmäßiges Inhalieren, Atemübungen und elektrische Muskelstimulation. Das hilft vor allem gegen die Nebenwirkungen der Chemo- und Immuntherapie, die er vor und nach der OP durchlaufen muss. Die Immuntherapie läuft noch rund sechs Monate.
Trainingsziele hat er nicht. Hoch hinaus möchte er aber nicht mehr, zumindest nicht beruflich. Seinen Lebensabend verbringt er lieber mit seinem Camper auf festem Boden – Holland statt Hongkong.
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Angebote für Angehörige
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