„Wir sagen dazu ‚Herzenssprache‘“
Der Hospizdienst begleitet Sterbende und ihre Angehörigen auf der Station und Trauernde über den Tod hinaus. Ein Schwerpunkt: kultursensible Hospizarbeit. Judith Kohlstruck über Nähe ohne Sprachbarriere und „geschenkte Zeit“.
Fotos: UME, Illustrationen: Adobe Stock
Das Interview führte: Nadine Friederichs

Judith Kohlstruck
ist evangelische Theologin und seit 25 Jahren hauptamtlich in der Hospizarbeit tätig. Seit April 2026 ist die Hospizarbeit unter Trägerschaft der Stiftung Universitätsmedizin Essen.
Frau Kohlstruck, was macht der Hospizdienst der Universitätsmedizin Essen?
Wir begleiten Menschen am Ende ihres Lebens, ihre Angehörigen und Menschen, die ihnen nahestehen. Vier hauptamtliche Koordinatorinnen und rund 45 Ehrenamtliche sind im Einsatz, im Bereich des Klinikums und über die Kooperation mit der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung auch zu Hause und in Altenheimen. Unser Ansatz ist ein systemischer: Jeder Mensch lebt in einem Gefüge. Das kann die Familie sein oder auch ein Freundeskreis. Angehörige stehen selbst in einer Abschiedssituation, haben existenzielle Fragen. Für sie sind wir genauso da wie für die Patientin oder den Patienten.
Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit von anderen ambulanten Hospizdiensten?
Wir sind Angestellte des Universitätsklinikums Essen und damit viel enger in die Abläufe eingebunden. Wir nehmen zum Beispiel an der wöchentlichen Teambesprechung auf der Palliativstation teil. Die Wege sind kurz: Kollegen kommen einfach vorbei und auf dem kurzen Dienstweg können wir Begleitungen schnell organisieren.
Sie betonen, dass Ihr Team elf Sprachen spricht. Warum ist das wichtig?
Wir haben vor einiger Zeit einen Mann aus der Ukraine begleitet, der in einer Flüchtlingsunterkunft lebte. Als wir kamen, war er zunächst eher misstrauisch. Dann begann die Ehrenamtliche, Russisch mit ihm zu sprechen – und man sah, wie sich sein Gesicht veränderte. Er lächelte, fing an zu erzählen, öffnete sich. Viele Menschen kehren am Lebensende in ihre Muttersprache zurück, selbst wenn sie jahrzehntelang Deutsch gesprochen haben. Da geht es um Vertrautheit. Wir sagen daher auch „Herzenssprache“ dazu.
Sie arbeiten mit sehr vielen Ehrenamtlichen. Warum?
Wir Hauptamtlichen kommen in einer Funktion zu den Patientinnen und Patienten, als Pflegefachperson, Sozialmitarbeitende, Medizinerinnen. Ehrenamtliche kommen funktionsfrei und haben vor allem eines: Zeit. Kein Hauptamtlicher könnte sich zwei Stunden zu jemandem ans Bett setzen. Für Betroffene ist das sehr wertvoll. Sie spüren, dass diese Person nur zu ihnen kommt. Für die Begleitung sind unsere Ehrenamtlichen sehr gut vorbereitet. Wer bei uns mitarbeiten möchte, absolviert einen Qualifizierungskurs mit 120 Unterrichtseinheiten und einem 20-stündigen Praktikum.
Nach dem Tod beginnt die Trauerbegleitung. Welche Angebote gibt es?
Wir bieten Einzelbegleitungen in verschiedenen Sprachen an, auch über Monate hinweg. Einmal im Monat gibt es sonntagnachmittags den offenen Trauertreff. Hier treffen Trauernde auf Menschen, die verstehen, wovon sie sprechen, wenn das Verständnis im eigenen Umfeld vielleicht mit der Zeit nachlässt. Dazu kommt der digitale Sternenhimmel. Menschen setzen dort einen Stern für eine verstorbene Person – eine Art digitale Zwiesprache.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Dass mehr Menschen wissen, dass es uns gibt. Wir hören oft: „Wenn ich das gewusst hätte ...“ Unser Angebot ist kostenfrei, unkompliziert und braucht keine Anträge. Jede und jeder kann sich einfach melden.
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