Wunden ohne Verletzte


Bevor die Medizinstudierenden der Universität Duisburg-Essen den Ernstfall üben, sitzen ihre Simulationspersonen in der Maske. Hinter jeder geschminkten Wunde stecken Recherche, Handwerk und ein bisschen Kunst.

Fotos: Aron Sonderkamp

Text: Aron Sonderkamp

Hochkonzentriert: Manche Kunstwunden brauchen mehrere Stunden

Der erste Blick haftet an blau-rot schimmernden Hämatomen und Blasen werfenden Brandwunden. Am anderen Ende des Raums: blutende Schusswunden und offene Frakturen. Aber dazugehörige Schmerzensschreie sind nicht zu hören. Stattdessen unterhält sich eine Gruppe mit sechs studentischen Hilfskräften und Theaterpädagoginnen, lacht miteinander, bis ein Zwischenruf sie unterbricht: „Wenn du die Farbe mit Alkohol mischst, hält das Hämatom auch länger.“

Es ist einer von vielen Tipps, die Dr. Angelika Hiroko Fritz den studentischen Hilfskräften beim Seminar „Realistische Unfalldarstellung“ hier im Keller des Lehr- und Lernzentrums der Medizinischen Fakultät Duisburg-Essen gibt. In einem eintägigen Intensivkurs werden die studentischen Hilfskräfte auf die Notfallmedizinische Sommerakademie vorbereitet. Eine Woche lang erproben Medizinstudierende dort den Ernstfall. „Dafür üben wir heute große Verletzungsmuster, die wir während des Semesters selten behandeln“, erklärt Fritz.

Warum der Aufwand?

Das Schminken ist nämlich kein eigenes Fach, sondern Teil des Simulations-Personen-Programms (SPP), das Fritz leitet. Und es ist wichtig. „Es ist einfacher, etwas überzeugend zu simulieren, wenn ich es auch sehen kann“, erklärt die Theaterpädagogin Ariane Raspe. Sie schminkt seit Jahren für das SPP, nutzt ihre Erfahrung von knapp zwei Jahrzehnten im TV- und Theaterschauspiel aber auch, um selbst in die Rolle der Simulationsperson zu schlüpfen sowie mit ihren Kollegen ihre Rollen zu trainieren.

Durch die Schminke verändere sich, wie die Studierenden mit einer Simulationsperson umgehen, sagt Raspe: „Sie sehen sofort, ob sie eine Stelle vorsichtiger anfassen sollten und ihre Untersuchung anders durchführen müssen. Kommt das Schauspiel dazu, vergessen Studierende mitunter sogar, dass vor ihnen Simulationspersonen sitzen.“

Wie schminkt man eine realistische Wunde?

Die Arbeit beginnt lange vor der ersten Farbe. Fritz legt für jeden Schauspielenden eine Akte an, führt eine Anamnese durch, um Allergien und Unverträglichkeiten auszumachen. Auch selbst erlebte, womöglich traumatische Verletzungen sollen niemanden ein zweites Mal treffen.

Dann wird jede Simulationsperson noch mal individuell betrachtet. „Latex auf behaarter Haut ist beim Abziehen äußerst schmerzhaft. Da wird gefragt, ob rasiert werden soll. Bei gefärbten Haaren warnen wir vorher vor dem Kunstblut. Sonst wird aus Blond schnell mal Grün“, erklärt Fritz. Erst danach kommen die Farben. Wer neu anfängt, arbeitet zweidimensional: Pinsel, Schwamm, fertig.

Die einfachste Wunde ist der blaue Fleck, oft reicht ein Stoppelschwamm. Dann wird es mit Schnitten, Quetschungen und Rissen dreidimensional. Am aufwändigsten sind Brandverletzungen. Rund zwei Stunden arbeiten die studentischen Hilfskräfte an einer den Handrücken füllenden Brandwunde. Wie schnell jemand das Schminken lernt, ist völlig unterschiedlich. Manche beherrschen fortgeschrittene Techniken nach einer Stunde, andere erst nach mehreren Kursen.

Blau und Rot sind die Farben, die im Laufe des Semesters am häufigsten nachbestellt werden müssen.

Detail oder viel Kunstblut

Der Alltag besteht aber weniger aus Spektakel als vielmehr aus Erschöpfungsanzeichen oder Alltagsblessuren: eingefallene Gesichter, Sorgenfalten, Nasenbluten, kleine Schnittwunden. Auch da kann viel schiefgehen, wenn Ränder zu glatt, Formen zu künstlich oder Farben unpassend sind.

Wie genau es sein muss, hängt von der Szene ab. Spielt sie in einer dunklen Disco, fallen solche Details kaum auf. Kunstblut kaschiert. In Prüfungen ist genau festgelegt, was wo wie stark zu sehen sein muss. „Damit es realistisch aussieht, hilft mein medizinischer Hintergrund“, sagt Fritz, die Fachärztin für Neurochirurgie ist. „Aber wir recherchieren auch. Schauen uns viele Bilder an, um die Details richtig wiederzugeben.“

Professionelle Unterstützung vom Maskenbildner

Geschminkt wurde schon, bevor Fritz das SPP übernahm: „Den Anfang machte eine Kooperation mit dem Rettungsdienst. Vor gut acht Jahren habe ich das Ganze dann ausgebaut.“ Sie holte einen Maskenbildner dazu, der bis heute einmal im Jahr einen ganztägigen Kurs anbietet.

Fritz und Raspe haben sich das Schminkhandwerk durch jahrelanges Ausprobieren und Beobachten überwiegend selbst beigebracht. Inzwischen sind beide routiniert und haben ein geschultes Auge. „Bei so manchem TV-Krimi denkt man schon: Das hätten wir besser geschminkt“, ergänzt Fritz mit einem Schmunzeln.

Ausgelernt hat man allerdings nie. Neue Techniken wie Knochensplitter aus dem 3D-Drucker verändern die Arbeit, machen sie teilweise einfacher. Eins ist für Raspe trotzdem sicher: „Wir schminken am liebsten selbst. Dann können wir genau sein, alles an Hauttyp und -farbe anpassen. Wir sind dann schon Künstlerinnen und Künstler.“

Bei falschen Knochenbrüchen wird teils mit echten Knochensplittern einer ausgekochten Rinderbeinscheibe gearbeitet.


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