Kann Yoga bei Mukoviszidose helfen?
Birgit Gerhardus hat Mukoviszidose. Durch Yoga und die richtige Therapie an der Ruhrlandklinik kam ihr Körper endlich wieder ins Gleichgewicht.
Fotos: Bozica Babic
Text: Maike Gröneweg
Die Augen sanft geschlossen, hebt Birgit Gerhardus im Einbeinstand kraftvoll die Arme über die Seiten nach oben. Sie atmet tief ein und wieder aus – und hustet kurz. „Da löst sich direkt etwas in meiner Lunge“, sagt sie lächelnd. Noch vor wenigen Jahren wären diese Haltung und diese Atmung für die 59-Jährige kaum möglich gewesen. Denn infolge ihrer Mukoviszidose hat Ger-hardus kaum noch Luft bekommen.
Mukoviszidose ist eine seltene Erbkrankheit, bei der zäher Schleim in den Zellen entsteht und die Organe, vor allem Lunge und Bauchspeicheldrüse, nach und nach verstopft. Schon als Kind hatte Gerhardus mit Lungenentzündungen und Infekten zu tun. Ihre Diagnose bekam sie aber erst mit Anfang 20, in einem Alter, in dem schon viele Betroffene versterben. Von da an hieß es: täglich Medikamente, Inhalieren, Physiotherapie, Abhusten. „Kranksein ist ein Vollzeitjob“, sagt Gerhardus.
Mit Yoga gegen die Atemnot
Was ihr schon in der Jugend half, mit den körperlichen und mentalen Herausforderungen umzugehen, war Yoga. Ihre Mutter praktizierte in den 70er-Jahren im örtlichen Turnverein, brachte das Buch „Yoga für Jeden“ mit – und steckte mit ihrer Begeisterung ihren Sohn und ihre Tochter an. Zu dritt übten sie im Flur. Und Gerhardus merkte schnell: die Übungen taten ihr gut.
So gut, dass sie 2001 eine vierjährige Ausbildung zur Yogalehrerin machte. „Dabei ging es mir in diesem Jahr besonders schlecht. Ich war 27 Wochen stationär in einer Klinik, habe aber trotzdem keinen einzigen Ausbildungskurs verpasst“, erzählt sie. Und die intensive Beschäftigung mit dem Yoga half erneut. Von da an folgten elf Jahre ohne Klinikaufenthalt, in denen sie regelmäßig Yogakurse gab. 2011 nahm sie sogar eine Yoga-DVD für Mukoviszidose-Betroffene auf.
Was ist Mukoviszidose?
Mukoviszidose ist eine angeborene Stoffwechselerkrankung. Durch einen gestörten Salz- und Wasserhaushalt im Körper bildet sich bei Betroffenen ein zähflüssiges Sekret, das Organe wie die Lunge und die Bauchspeicheldrüse dauerhaft schädigen kann. Die Symptome: Husten, wiederkehrende Lungenentzündungen, Verdauungsstörungen, Vitaminmangel, Untergewicht. In Deutschland leben etwa 8.000 Menschen mit der Erkrankung.
Kampf vorm Gericht
„Aber Mukoviszidose schreitet fort, und so wurde meine Lungenfunktion schleichend immer schlechter“, erzählt Gerhardus. 2015 wechselte sie an die Mukoviszidose-Ambulanz der Ruhrlandklinik Essen zu PD Dr. Sivagurunathan Sutharsan, wurde dort mit einer 22-wöchigen Infusionstherapie wieder aufgepäppelt. Doch der Effekt hielt nur kurz an. Die Luft wurde immer knapper. Reden, Treppensteigen, Radfahren, das alles war kaum noch möglich. Yoga ging nur noch im Liegen, mit Übungen für den Atem und für die Hände.
Dann schlug Sutharsan ihr ein neuartiges Medikament vor: einen sogenannten CFTR-Modulator, durch den der Schleim oft weniger zäh wird, die Atmung sich verbessert und Infektionen abnehmen können. Da Gerhardus unter einer für Mukoviszidose seltenen Genmutation leidet, war das Medikament für sie allerdings nicht zugelassen. Gemeinsam beantragten sie einen individuellen Heilungsversuch, zogen vor das Sozialgericht, damit die Krankenkasse die Kosten übernehmen würde – und bekamen für vier Wochen die Zusage.
Linderung ab der ersten Tablette
„Schon ab der ersten Tablette ging es mir besser, alles in der Lunge hat sich gelöst. Ich habe mich so gefreut, wie rapide es für mich bergauf ging, denn ich war an einem Punkt, an dem ich keine Kraft mehr gehabt hätte, mich wieder aus dem Tal hochzuziehen“, erzählt Gerhardus. Dreimal musste sie erneut individuelle Heilungsversuche beantragen und die Kostenübernahme gerichtlich erwirken, dann brachte Sutharsan sie 2023 in eine Studie für den Nachfolger des Medikaments, das inzwischen zugelassen ist.
Seither nimmt Gerhardus dreimal täglich die Tablette. Sie kann Rad fahren, wieder mehrmals die Woche ihre Yogakurse geben und selbst wieder praktizieren – jeden Tag mindestens eine halbe Stunde, lieber aber ein einstündiges Programm. „Ohne Yoga hätte ich nicht überlebt“, sagt sie heute und taucht mit einem tiefen Atemzug ab in den Herabschauenden Hund.
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Angebote für Angehörige
Die Ambulanz der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der LVR-Universitätsklinik Essen bietet Angehörigen von schwerkranken Menschen psychologische Beratungsangebote an. Mehr Informationen erhalten Sie über das Ambulanzsekretariat unter: 0201 - 438 755 100
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