Was Abwasser über Gesundheit verrät
Kann das Essener Abwasser Hinweise darauf geben, wie es um die Gesundheit der Menschen in den Stadtteilen steht? Das Team vom Institut für Urban Public Health der Universitätsmedizin Essen hat es überprüft und dabei Erstaunliches entdeckt.
Text: Lothar Schmidt
Fotos: privat, Adobestock
Lange Zeit wurde Gesundheit vor allem als Frage des individuellen Verhaltens betrachtet: nicht rauchen, sich bewegen und gesund ernähren. Daran ist nichts falsch. Doch ob Menschen gesund leben können, hängt auch entscheidend von den Verhältnissen ab: Armut, dichte Bebauung, Verkehrslärm, schlechte Luft oder fehlende Grünflächen sind keine persönlichen Entscheidungen, sondern strukturelle Bedingungen.
Um zu verstehen, wie diese Verhältnisse die Gesundheit beeinflussen, braucht man Daten über die Gesundheitslage der Bevölkerung vor Ort – und zwar nicht nur auf Stadtebene, sondern vor allem kleinteilig in den Stadtquartieren. „Genau hier liegt ein grundlegendes Problem: Solche Daten existieren kaum“, sagt Dr. Dennis Schmiege vom Institut für Urban Public Health (InUPH) der Universitätsmedizin Essen. Eine mögliche Antwort findet sich an einem unerwarteten Ort: im Abwasser.
In seinem Spezialgebiet, der „abwasserbasierten Epidemiologie“, betrachtet Schmiege Abwasser nicht als Abfall, sondern als Ressource, um gesundheitsbezogene Informationen über die Stadtbevölkerung zu gewinnen. Die bisherige Forschung konzentriert sich meist auf Kläranlagen, wo in Metropolregionen wie dem Ruhrgebiet die Abwässer mehrerer Städte zusammenfließen. „Werden dort Erreger oder Schadstoffe nachgewiesen, ist unklar, woher sie stammen. Rückschlüsse auf einzelne Städte oder gar Stadtquartiere sind nicht möglich“, erklärt der Arbeitsgruppenleiter.

Am InUPH setzt man daher früher an: Abwasser wird nicht erst an der Kläranlage, sondern bereits kleinräumig innerhalb des Kanalnetzes untersucht, um gesundheitliche Belastungen in einzelnen Stadtquartieren frühzeitig sichtbar zu machen. Der Mehrwert dieses Ansatzes konnte bereits gezeigt werden: In Dortmunder Stadtquartieren fand man Unterschiede in der Belastung durch Antibiotikaresistenzen, die auf Stadtebene verborgen geblieben wären. In Essen gelang es gemeinsam mit dem Institut für Künstliche Intelligenz in der Medizin (IKIM), eine neue, besonders ansteckende Coronavirus-Variante im Abwasser nachzuweisen – zwei Wochen, bevor der erste Fall am Universitätsklinikum gemeldet wurde.
Derzeit richtet das InUPH seinen Blick weniger auf Erreger oder Resistenzen, sondern auf Umweltschadstoffe wie Weichmacher, bei denen es große Datenlücken gibt. Das Ziel von Schmiege ist klar: Abwasser als verlässliche Quelle für Gesundheitsdaten zu etablieren – und als Frühwarnsystem, das Gesundheitsrisiken sichtbar macht, bevor sie in Arztpraxen oder Krankenhäusern ankommen. „Aber um das zu erreichen, gibt es aktuell noch eine Million offener Fragen.“
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Über das Institut
Das Institut für Urban Public Health der Universitätsmedizin Essen erforscht, wie Städte und Lebensumfelder die Gesundheit ganzer Bevölkerungsgruppen beeinflussen. Mehr zu den Projekten des Instituts unter: inuph.uk-essen.de/projekte
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